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Ralf Isau

Das Museum der gestohlenen Erinnerungen


 
»Das Museum der gestohlenen Erinnerungen« von Ralf Isau


Besprochen von:
 
Carsten Kuhr
Deine Wertung:
(2.5)

 
 
Was macht man, wenn man eines Tages morgens aufwacht, und sich nicht mehr an seinen Vater erinnern kann? Das gibt es nicht, so meinen sie. Nun, den Zwillingen Oliver und Jessica aus Berlin geht es zumindest so. Wer ist nur der Fremde, der sie mit leicht traurigem Blick aus den Bildern an der Wand der heimatlichen Wohnung anblickt? Als dann die Polizei noch vor der Tür steht und einen Hausdurchsuchungsbeschluss präsentiert wird die Sache noch mysteriöser. Ihrem Vater wird vorgeworfen eine erst kürzlich im Irak entdeckte lebensgrosse Statue des Gottes Xaxano entwendet zu haben. Die Suche führt die Geschwister ins Pergamonmuseum und auf den häuslichen Dachboden. Aus dem Tagebuch ihres Vaters erfahren sie, dass dieser vor einer Gefahr gewarnt hat, die mit dem Vergessen von Erinnerungen einhergeht. Während die Mitmenschen ihren Vater, wenn überhaupt, als Nachtwächter des Museums im Gedächtnis haben, schien er früher einmal die Leitung der vorderasiatischen Abteilung inne gehabt zu haben. Doch an diese Zeit erinnert sich niemand mehr. Nun plant der altbabylonische Gott Xexano, der bereits als despotischer Herrscher über Quassinja, das Land der vergessenen Erinnerungen regiert, auch die Herrschaft über unsere Erde zu übernehmen. Während Oliver die Suche nach seinem Vater nach Quassinja führt, setzt sich seine Schwester in Berlin mit dem Helfer des babylonischen Gottes auseinander bevor es zum grossen Finale in der Hauptstadt kommt.

Ralf Isau hat einen Roman wider das Vergessen verfasst. Mit deutlichen Appellen gegen Intoleranz und Gleichgültigkeit gelingt es ihm, seine Leser mit einer spannenden Geschichte zu faszinieren.

Ausgangspunkt seiner Handlung ist Ost-Berlin. In der Realität fussend begeben wir uns mit unseren Protagonisten auf eine Erkundungsmission. Schleichend verlieren die Menschen ihre Erinnerungen an die schrecklichen Vorkommnisse der Nazi-Zeit, die Ausgrenzung sozialer Randgruppen nimmt zu. Während sich viele dieser Passagen nahtlos in die Erzählung einfügten, wirkte die Schilderung des Besuchs in der alten Berliner Synagoge und bei dem dort beheimateten Rabbi ein wenig aufgesetzt.
Weiss uns die Geschichte um Jessica und deren Forschung nach den Erinnerungen um ihren Vater, dessen Leben und Geschichte, die Zeit als Stasi-Spitzel dessen berufliche Zukunft per gezielter Denunziation vernichteten durchaus zu bannen, so ging die grössere Faszination doch von der anderen Handlungsebene aus. Als Gegengewicht zum realitätsbezogenen Plot fügt der Autor die Handlung in Quassinija ein. Hier erwarten den Leser Begegnungen einer etwas anderen Art. Nicht die so abgegriffenen Elfen, Zwerge oder Drachen werden uns dargeboten, sondern wirklich phantastische Wesen aus den fast vergessenen Mythen der Menschheit. Ein lebendiger Glasvogel, ein vorwitziger Pinsel, ein Meer aus Steinen auf denen die Namen aller bei uns vergessener Wesen vermerkt sind, der Turm des dunklen Herrschers, Isau's Phantasie nimmt uns gefangen, und lässt uns nicht mehr los. Geschickt verbindet er alte Mythen, etwa den Turmbau zu Babel mit alltäglichen Geschehnissen unserer Welt, webt ein überzeugendes, farbenprächtiges, und auch nachdenklich machendes Bild einer Welt, in der Mitgefühl und Zivilcourage unterzugehen drohen. Im Nachwort erzähl der Autor, dass er bewusst mit diesem Roman seine Leser zum Innehalten, zum Nachdenken anregen wollte. Dies ist ihm, bei aller Spannung die von dem Text ausgehet sicherlich gelungen. Nicht umsonst wurde der Roman als bestes Jugendbuch 1997 mit dem Buxtehuder Bullen ausgezeichnet.
 
 
 


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